Frühjahr ist Schüleraustauschzeit, Frankreich ruft!

Montag, 09.05.

Um halb fünf kommt der Bus nach glatter Fahrt in den engen Straßen rund um das Collège Les Dentelliers an, gerade genug Platz, um das Gepäck auf der Straße auszuladen. Während wir noch überlegen, wie wir wohl in die Schule hineinkommen, kommen von der anderen Seite bereits unsere correspondants  zur Begrüßung und eh man sich versieht, ist man auch schon auf dem Weg ins Abenteuer, heim zu einer Familie, deren Gast man für eine Woche sein würde...  
Werde ich mich wohlfühlen?
Wird man mich verstehen?
Werde ich sie verstehen?
Werde ich Froschschenkel essen müssen?
Fragen über Fragen...  

 

Dienstag, 10.5.

 

 

Alle Fragen werden am ersten Abend noch nicht beantwortet und eigentlich tun sich immer mehr Fragen auf, als beantwortet werden, aber jeder Schüler taucht am nächsten Morgen ausgeschlafen und wohlgenährt am Collège auf, und mit dem Sich-Verständlich-Machen hat es auch irgendwie geklappt. 

Heute steht ein Tag am Wasser an, genauer gesagt ein Ausflug zur base de loisirs am lac d`Ardes. Hier führt uns Florent in die Technik der Kanu- und Kayak-Beherrschung ein, die wir anschliessend in diversen Runden auf dem See perfektionieren können: Vorwärts, rückwärts, gerade, Slalom, Verfolgung und Wasserball. Für manchen wird daraus ein Tag im Wasser, denn auch das Gleichgewicht will beherrscht werden. Das tut aber der Stimmung keinen Abbruch, dunkle Wolken und gelegentlicher Nieselregen sind an diesem ersten Tag ganz egal, und als am späteren Nachmittag der Bus wieder am Collège ankommt, sind alle trotz Erschöpfung gut gelaunt und man verabschiedet sich fröhlich in den zweiten Abend.

 

 

Mittwoch, 11.5.

 

Dass sich an der Küste vieles um`s Thema Wasser dreht, dürfte heute dem letzten klar werden: Nausicaa, das Meerwasseraquarium in Boulogne-sur-Mer steht am Morgen auf dem Programm. Dort geht es vom Ärmelkanal in tropische Gewässer und seine schillernden Farben, die Welt im und am Wasser ist ungeahnt vielfältig und wird einem mit allen Sinnen näher gebracht.

Der Himmel über der Côte d'Opale hingegen hat heute nichts von schillernden Farben. So findet der Strandausflug mit den corres am Nachmittag unter bleigrauem Himmel, aber nichtsdesto weniger fröhlich statt. Meerwasser, das die Füße umspielt und Sand zwischen den Zehen können Wunder bewirken.  Auch am Cap Gris-Nez, einer Steilküste 50 Meter über dem Meer, ist heute nicht nur die (Fels-) Nase grau, wie das Gruppenfoto unschwer erkennen lässt. Die weißen Kreidefelsen von Dover, bei gutem Wetter greifbar nah,  bleiben im Nebel verborgen Erst Calais lässt Lust auf ein Eis am Strand aufkommen, Sonne und blauer Himmel - endlich ! - begleiten uns in den dritten Abend des Austauschs. 

 

Donnerstag, 12.5.

 

Nirgends in Frankreich ist es heute wärmer als im Nord-Pas-de-Calais, gute Vorzeichen für den Tagesausflug nach Lille, die Hauptstadt der Region. Um kurz vor neun schon setzt uns der Bus am neuen Einkaufszentrum Euralille ab, von wo es nur ein Katzensprung bis zur Grand` Place ist. Hier startet in Kleingruppen die Stadtrallye, die uns die wichtigen Sehenswürdigkeiten nahebringen soll. Um diese genauer kennen zu lernen bietet das anschließende quartier libre genug Zeit. Nicht immer stehen dabei der Charme der Altstadt und die städtebaulichen Schätze Flanderns  oder gar die Köstlichkeiten der cuisine française im Mittelpunkt, allzuoft ist der Reiz amerikanischer Textilketten oder bekannter Schnellimbissmarken größer.   Zum Abschluss geht es noch auf ein Stündchen in den Zoo.

 

 

Auch mit der deutsch-französischen Freundschaft ist es, wie wir heute merken, nicht immer einfach. Das, was man mal so gesagt hat, hat man dann doch nicht so gemeint wie der andere es verstanden hat, und selbst ein Blick und ein Lachen sind nicht immer frei von Missverständnissen.  Echter Austausch eben, mit allen Facetten des Sich-Kennen-Lernens. Am Ende aber fügt sich alles, und alle verlassen zuversichtlich das Schulgelände in den vierten Abend.

Freitag, 13.5.

 

Früher wie heute wurde in Les Dentelliers gearbeitet, früher an schweren Maschinen zur Herstellung feiner Spitze, heute im Unterricht. Beides gilt es an diesem Tag kennen zu lernen. Zuerst verbringen wir den Vormittag im Unterricht verschiedener Fächer und in der Bibliothek, wo wir mit Hilfe der documentaliste einen Fragebogen zu bearbeiten haben. Dass die Schule in den Mauern einer ehemaligen Fabrik steht, führen uns Mme George und M. Blot, die Schulleiterin und ihr Stellvertreter, anschließend auf einem Rundgang vor Augen. Nach dem Mittagessen in der Schulkantine geht es dann zur Cité de la Dentelle et de la Mode: Mme Lombard führt uns in die Feinheiten und Herstellungsweisen der Spitze ein. Es ist verblüffend, dass das Wummern der großen Maschinen etwas derart zartes wie Calaiser Spitze hervorbringt.

Vom Beffroi, dem Glockenturm neben dem Rathaus, haben wir später einen weiten Blick über Stadt und Küste,  die seit nunmehr fünf Tagen Heimat unseres Austauschs sind. 

 

 

Jetzt geht es ins (halbe) Wochenende mit der Gastfamilie, Wiedersehen mit allen anderen erst am Sonntag um viertel vor neun ...

 

Samstag, 14.5.

 

Der Tag wird unterschiedlichst verbracht:

Stadtspaziergang, Cité Europe, Strand, Erkundung der näheren oder weiteren Umgebung (bis nach Paris!),  die Eindrücke sind vielfältig!  Die Abendsonne hüllt Calais schließlich in ein mildes Licht.
 


 

 

Sonntag, 15.5.

 

Die Woche ist viel zu schnell vergangen. Als wir uns am Morgen am Collège treffen, ist es, als sei der Bus erst eben weggefahren...

Die Koffer sind schnell verstaut, das Abschiednehmen dauert etwas länger: Au revoir, à ...  

 

 

Wird man sich wiedersehen?

Wird der Kontakt bestehen bleiben?

Werde ich nochmal nach Calais kommen?

Fragen bleiben...

 

Um kurz nach neun setzen wir uns in Bewegung, durchfahren noch einmal die flachen Landschaften Nordfrankreichs und Belgiens und kommen pünktlich mit vielen Erinnerungen und neuen Begegnungen am WHG an.

Matthias Weiske